Sonntag, 17. Juni 2007

Juliette Greco: Die "Diva des Chansons"



Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

JulietteGreco

Mit den Superlativen „Königin der Existenzialisten“, „schwarze Muse von St. Germain-des-Prés“ und „Diva des Chansons“ feierten Kritiker die französische Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco. In ihrer langjährigen künstlerischen Laufbahn blieb das Singen ihre Hauptbeschäftigung, Auftritte im Film hatten in ihrer wechselvollen Karriere eher eine untergeordnete Bedeutung.

Juliette Gréco wurde am 7. Februar 1927 als zweite Tochter eines korsischen Polizeikommissars in Montpellier geboren. Ihr Vater entzog sich den familiären Pflichten, und ihre Mutter stellte ihre persönlichen Interessen über die ihrer Familie. Nach der Scheidung der Eltern kamen Juliette – „Jujube“ genannt – und ihre ältere Schwester Charlotte in die Obhut der wohlhabenden Großeltern mütterlicherseits in Bordeaux.

Als der Großvater bald starb und die Großmutter dem Wahnsinn verfiel, zog die Mutter mit ihren beiden Töchtern ins Pariser Viertel Saint-German-des-Prés und kümmerte sich um ihre Erziehung. Während der ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges lebten die drei im Landhaus der Familie in der Dordogne unweit von Bergerac.

Im September 1943 wurde Juliettes Mutter, die sich der französischen Widerstandsbewegung („Résistance“) angeschlossen hatte, verhaftet und zusammen mit der Tochter Charlotte deportiert. Die französische Polizei brachte die 16-jährige Juliette in das Frauengefängnis von Fresnes. Nach drei Wochen ließ man sie wieder frei; nun musste sie sich allein durchs Leben schlagen.

Bereits vor dem Krieg nahm Juliette Gréco Tanzunterricht an der Pariser Oper. Während des Krieges erhielt sie Schauspielunterricht bei Solange Sicard, Pierre Dux und Béatrice Dussane. Sicard vermittelte 1942 der 15-jährigen Juliette ihre erste Rolle als Meereswelle in dem Stück „Seidener Schuh“ des „Théatre-Français“. 1946 gab ihr der Regisseur Michel de Ré eine Rolle in der Komödie „Victor ou les Enfants au pouvoir“.

1946 gründete Juliette Gréco zusammen mit ihrer Freundin Anne-Marie Cazalis das Lokal „Tabou“. Dort sowie in anderen verräucherten Existenzialisten–Kellern des Künstlerviertels St. Germain-des-Prés – wie dem „Rose Rouge“ und dem „Café Flore“ – sang sie in schwarzem Pullover und in enger Hose schwermütige Lieder der Nachkriegszeit.

1949 gelang Juilette Gréco der künstlerische Durchbruch als Sängerin. Damals trug sie im „Bœf sur le Toit“ die Lieder „Si tut t’imagines ...“ und „L’Eternel feminin“, die sich zu Hits entwickelten, vor. Bald gelangte die Chansonette zu Weltruhm. Die Schriftsteller Jean-Paul Sartre (1905–1980), Albert Camus (1913–1960) und François Mauriac (1885–1970) schrieben Texte für ihre Lieder, die vom Lebenshunger und Ekel vor dem Dasein handelten.

Der Existenzialist Jean-Paul Sartre feierte die Sängerin als „Stimme der Poeten“: „Juliette Gréco hat Millionen in ihrer Kehle; Millionen von Gedichten, die noch nicht geschrieben sind, von denen man einige schreiben wird. Man schreibt Stücke für Schauspieler, warum nicht Gedichte für eine Stimme?“

In der ersten Hälfte der 1950-er Jahre eroberten Touristen das Pariser Künstlerviertel St. Germain-des-Prés, der „Keller-Existenzialismus“ starb aus, und der Ruhm von Juliette Gréco verblich allmählich. Daraufhin wechselte die Künstlerin zum Film, kehrte erfolgreich zur Bühne zurück und feierte 1957 ein glanzvolles Comeback als Chansonette im Pariser „Olympia“.

1959 sang Juliette Gréco erstmals in Deutschland, das sie bis dahin gemieden hatte. Mit panischer Angst fuhr sie über die Grenze und hatte bei ihrem Auftritt das Gefühl, vor Leuten zu sitzen, die sie 15 Jahre zuvor am liebsten ins KZ gesteckt hätten. Die Furcht vor den Deutschen ist später verflogen.

Während der 1960-er Jahre erweiterte Juliette Gréco ihr Gesangsrepertoire. 1966 trat sie mit George Brassens am Pariser „Théatre National“ und 1968 in den Fabrikhallen von Renault auf. Außerdem ging sie weltweit auf Tournee.

Zwischen 1951 („Je suis comme je suis“) und 1972 produzierte Juliette mehr als 40 Schallplatten. Bis 1983 folgten sechs weitere Platten nach. Für den Titel „Romance“ verlieh man der „Diva des Chansons“ den „Großen Schallplattenpreis von Paris“.

Juliette Gréco heiratete 1953 den Schauspieler Philipp Lemaire. Aus dieser Ehe ging die Tochter Laurence-Marie hervor. Im Dezember 1966 vermählte sich Juliette mit dem Schauspieler Michel Piccoli, von dem sie 1977 geschieden wurde. Nach der gescheiterten Ehe floh sie unter Depressionen vor dem Publikum. 1982 erschien ihre Autobiographie „Jujube“ (deutsch: „Ich bin, wie ich bin“, 1983).

Am 15. April 1988 ehelichte Juliette Gréco den Komponisten und Bandleader Gérard Jouannest, der sie seit Anfang der 1960-er Jahre musikalisch begleitete. Er ist der Ruhepol in ihrem aufregenden Leben. Im Januar 1991 begeisterte sie das Publikum im Pariser „Olympia“ erneut mit ihren Welterfolgen.

In einem Interview anlässlich ihres 70. Geburtstages mit der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ verriet Juliette Gréco, wenn ihr heute die Jugend zuhöre, dann fühle sie sich oft wie eine Geliebte in zerwühltem Laken. Sie übe nicht vor dem Spiegel, erklärte sie, und es sei ihr peinlich, sich im Fernsehen erleben zu müssen. Ihre Wirkung als selbstbewusste Diva sei nur harte Disziplin. In Wahrheit durchleide sie vor jedem Auftritt Höllenqualen.

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