Sonntag, 17. Juni 2007

Anne-Sophie Mutter: Eine Musikerin der Weltklasse



Video "Beethoven Anne - Sophie Mutter" von Youtube

Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" (2002) von Ernst Probst:

SF10

Vom Wunderkind zur Geigerin der Weltklasse hat sich die deutsche Musikerin Anne-Sophie Mutter entwickelt. Während der 1980-er Jahre gab die Künstlerin, die immer ohne Noten spielt, jährlich etwa 120 Konzerte. Besonders hervor tat sie sich mit Violinkonzerten von Komponisten wie Ludwig van Beethoven (1777–1827), Johannes Brahms (1833–1897), Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) und Johann Sebastian Bach (1685–1750).

Anne-Sophie Mutter wurde am 29. Juni 1963 als drittes Kind ihrer Eltern in Wehr bei Rheinfelden (Baden-Württemberg) geboren. Ihr Vater Karl-Wilhelm Mutter hat sich vom Reporter zum Verlagsleiter der Tageszeitung „Alb-Bote“ in Waldshut hochgearbeitet. Anne-Sophie wuchs zusammen mit ihren zwei Brüdern Andreas (geb. 1959) und Christoph (geb. 1961) auf.

Als Fünfjährige begann Anne-Sophie Mutter mit dem Klavierspielen. Nach einigen Wochen wechselte sie vom Klavier zur Geige. Mit diesem Instrument gewann sie 1970 bereits als Sechsjährige beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ den ersten Preis „mit besonderer Auszeichnung“, was die höchste bis dahin und seither vergebene Wertung war. Zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Christoph erspielte sie den Bundespreis im Fach „Klavier vierhändig“.

Das baden-württembergische Kultusministerium befreite Anne-Sophie als „Jahrhundert-Begabung“ von der allgemeinen Schulpflicht. Fortan erhielt sie neben ihrem intensiven Geigenunterricht und Übungsstunden privaten Unterricht und musste sämtliche Prüfungen extern absolvieren.

Mit neun Jahren stürzte Anne-Sophie Mutter so schwer vom Fahrrad, dass sie mit einem Schädelbasisbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Ab dem fünften Lebensjahr wurde sie von Erna Honigberger in Wehr auf der Geige ausgebildet. Nach dem Tod ihrer Lehrerin 1974 wechselte sie in die Meisterklasse der Violinpädagogin Aida Stucki am Konservatorium in Winterthur (Schweiz).

Mit zehn Jahren ging Anne-Sophie Mutter 1974 erneut als Siegerin aus dem Wettbewerb „Jugend musiziert“ hervor. 1976 trat sie bei den „Internationalen Musikfestwochen“ in Luzern (Schweiz) auf und spielte unter anderem die „Teufelstriller-Sonate“ von Guiseppe Tartini (1692–1770) und Bachs Chaconne. Nach dem Luzerner Auftritt sprach die internationale Presse erstmals von einem „Wunderkind aus Deutschland“.

Im Dezember 1976 spielte die 13-jährige Anne-Sophie Mutter in Berlin dem österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan (1908–1989) das schwierigste Werk von Johann Sebastian Bach, die Chaconne aus der Partitia d-moll, vor. Der Maestro bezeichnete sie daraufhin als „die größte musikalische Frühbegabung seit dem jungen Menuhin“. Der amerikanische Violinist Yehudi Menuhin (1916–1999) war bereits als Achtjähriger ein „Wunderkind“.

Karajan engagierte Anne-Sophie Mutter als Solistin für Konzerte mit dem „Berliner Philharmonischen Orchester“. International bekannt wurde sie bei den Pfingstfestspielen in Salzburg 1977, zu denen sie Karajan eingeladen hatte. 1977 debütierte sie zusammen mit dem „English Chamber Orchestra“ unter Leitung des israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Baremboim in Großbritannien mit dem Violin Konzert von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847).

Im Februar 1978 feierte Anne-Sophie Mutter mit Mozarts G-Dur Violinkonzert ihr Debüt in der „Berliner Philharmonie“. In jenem Jahr kam auch ihre erste sensationell erfolgreiche Schallplatte – Mozarts Violinkonzerte Nr. 3 G-Dur und Nr. 5 A-Dur – heraus, die ihr 1979 den „Deutschen Schallplattenpreis“ und den „Grand Prix International de Disque“ einbrachten. 1979 nahm sie auch ihre weltweite Konzerttätigkeit auf.

Am Silvesterabend 1979 wirkte die 16-Jährige zusammen mit den „Berliner Philharmonikern“ live im „Ersten Deutschen Fernsehen“ beim Tripelkonzert von Beethoven mit, das Millionen Zuschauer sahen und hörten. Im Januar 1980 trat sie mit dem „New York Philharmonic Orchestra“ unter Leitung von Zubin Mehta erstmals in den USA auf (Mendelssohn); ihr Debüt in Washington DC mit dem Violincellisten und Dirigenten Mstislaw L. Rostropowitsch folgte. 1983 wurde sie zur Ehrenpräsidentin der „Mozart-Gesellschaft“ an der Universität Oxford ernannt.

1985 spielte Anne-Sophie Mutter erstmals in Moskau. Im selben Jahr bildete sie auch mit Bruno Giuranna und Mstislav L. Rostropowitsch ein Streichtrio. 1986 wurde die knapp 22-Jährige an der „Royal Academy of Music“ in London auf den ersten Lehrstuhl für Solovioline berufen. Im Dezember 1988 begann in der New Yorker „Carnegie Hall“ ihre Nordamerika-Recital-Tournee mit 14 Konzerten.

Anfangs musizierte Anne Sophie-Mutter auf einer Geige aus der Hand des neapolitanischen Geigenbauers Nicola Gagliano, der zwischen 1740 und 1785 aktiv war. Später spielte sie mit der Stradivari „Emiliana“ von 1703 und der Stradivari „Lord Dunn-Raven“ von 1710. Mitte der 1980-er Jahre wandte sie sich zunehmend der zeitgenössischen Musik zu.

Die Weltklasse-Musikerin besitzt eiserne Nerven und kennt kein Lampenfieber. Einmal spielte sie ein Konzert zu Ende, obwohl der Reißverschluss ihres Kleides geplatzt war. „Es saß zu gut für die Portion, die ich vertilgt hatte“, kommentierte sie lächelnd diesen Vorfall und gab zu, sie esse leidenschaftlich gerne, am liebsten italienische Nudelgerichte.

1987 wurde Anne-Sophie Mutter vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker das „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ verliehen. 1988 hat man sie zur Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt Wehr ernannt und den Weg, an dem ihr Elternhaus steht, nach ihr bezeichnet. 1998 wurde ihr der „Bayerische Verdienstorden“, 1999 der „Baden-Württembergische Verdienstorden“ verliehen. 1989 erhielt sie eine „Goldene Schallplatte“ und 1994 den „Grammy“-Award für eine Berg/Rihm-Einspielung

Für ihre zahlreichen Plattenaufnahmen erhielt Anne-Sophie Mutter unter anderem den „Deutschen Schallplattenpreis“, den „Record Academy Prize", den „Grand Prix du Disque", den „Internationalen Schallplattenpreis“ und den „Edison Award“. Im Januar 1998 erschien die Aufnahme des 2. Violinkonzertes von Krzysztof Penderecki mit dem „London Symphonic Orchestra“ unter Leitung des Komponisten. Diese vom Komponisten geleitete Welt-Ersteinspielung des Anne-Sophie Mutter gewidmeten Konzertes erhielt 1999 die bislang einzigartige Auszeichnung mit zwei „Grammy Awards“ als „Best Instrumental Soloist Performance With Orchestra“ und als „Best Classical Contemporary Composition“. Die während der Welttournee mitgeschnittenen Beethoven-Sonaten erschienen 1998. Im Jahr 1999 wurde dann die Neueinspielung von Antonio Vivaldis (1678–1741) „Vier Jahreszeiten“ veröffentlicht.

Ein besonderes Interesse der Künstlerin gilt der zeitgenössischen Violinliteratur. Witold Lutoslawski, Norbert Moret, Krzysztof Penderecki, Wolfgang Rihm und Sebastian Currier haben ihr Werke gewidmet. Innerhalb der nächsten Jahre sind Uraufführungen von Violinkonzerten geplant, die Paul Sacher bei Pierre Boulez und Sofia Gubaidulina in Auftrag gegeben hat. Henri Dutilleux und Sebastian Currier arbeiten ebenfalls an Werken für Anne-Sophie Mutter.

1987 gründete die Künstlerin die „Rudolf-Eberle-Stiftung", die junge Streicher europaweit fördert. Diese Stiftung wurde später dem in München beheimateten Freundeskreis der Anne-Sophie Mutter-Stiftung zur Seite gestellt, dessen Förderarbeit weltweit ist.

Am 13. Januar 1989 heiratete Anne-Sophie Mutter den Münchener Rechtsanwalt Dr. Detlef Wunderlich. Er war Wirtschaftsanwalt und auch der Rechtsbeistand ihres Mentors Herbert von Karajan, der am 16. Juli 1989 im Alter von 81 Jahren einem Herzversagen erlag. Im September 1991 brachte Anne-Sophie Mutter die Tochter Arabella-Sophie und im April 1994 den Sohn Richard zu Welt. Zum Erstaunen der Öffentlichkeit schaffte sie es, Kinder, Kunst und Karriere zu ver-binden. Ihr Mann starb am 2. August 1995.

Zwischen 1986 und 1995 feierte Anne-Sophie Mutter mehrere Weltpremieren: Am 31. Januar 1986 spielte sie „Chain II“ von Witold Lutoslawski im „Collegium Musicum“ in Zürich unter Paul Sacher, am 9. September 1988 „En Rêve“ von Norbert Moret in Locarno unter Marc Andrea, am 13./14. Juni 1992 „Gesungene Zeit“ von Wolfgang Rihm im „Collegium Musicum“ in Zürich unter Paul Sacher und im Juli 1995 „Metamorphosen“ von Krzysztof Penderecki beim „Mitteldeutschen Rundfunk“ (MDR) unter Mariss Jansons.

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