Samstag, 26. Mai 2007

Umm Kulthum: Der singende "Stern des Orients"



Video "Um Kulthoum - Enta 3omree" von Youtube
http://www.youtube.com/watch?v=PVNSm6t30jA

Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:



Zur bekanntesten, beliebtesten und reichsten Sängerin der arabischen Welt stieg die ägyptische Künstlerin Umm Kulthum (1898–1975) auf. Während ihrer Livesendungen an Donnerstagen im ägyptischen Fernsehen stand der Straßenverkehr in den arabischen Städten vom Persischen Golf bis zur Atlantikküste still. Ihrer Stimme lauschten sowohl die Beduinen der Wüste als auch die Fischer am Meer sowie die Fellachen auf dem Land und die Menschen in den Großstädten.

Das Geburtsdatum von Umm Kulthum ist nicht genau bekannt. Wahrscheinlich wurde sie am 30. Dezember 1898 in Tammay al-Zahayrah, einem Dorf im Nildelta mit damals 278 Häusern und 1665 Einwohnern, geboren. Ihr Vater al-Shaykh Ibrahim al-Sayyid al-Baltaji (gest. 1932) arbeitete als Imam (Vorbeter) an der Dorfmoschee, besserte sein niedriges Gehalt als Sänger religiöser Lieder bei Hochzeiten und anderen Festen auf und brachte seinen Kindern das Singen bei.

Die Mutter hieß Fatmah a-Maliji (gest. 1947), war Hausfrau und hatte drei Kindern das Leben geschenkt: Zuerst kam das Mädchen Sayyidah zur Welt, dann der Sohn Khalid und zuletzt Umm Kulthum. Sayyidah war zehn Jahre älter als Umm Kulthum und Khalid ein Jahr. Von der fürsorglichen Mutter lernten die Kinder, wie wichtig Wahrheit, Demut und der Glaube an Gott sind.

Im Alter von fünf Jahren trat Umm Kulthum in die Koranschule ihres Heimatortes ein, die auch ihr Bruder Khalid besuchte. Nach dem Tod ihres Lehrers wechselten die beiden Kinder auf eine Schule im nur wenige Kilometer entfernten Nachbarort izbat al-Hawwal. Umm Kulthum blieb dort drei Jahre lang.

Mit etwa neun Jahren trug Umm Kulthum erstmals religiöse Lieder in der Öffentlichkeit vor. Wenn sie mit ihrem Vater und ihrem Bruder in der Provinz ihre Lieder zum besten gab, war sie wie ein Junge gekleidet, da Mädchen bei religiösen Festen nicht auftreten durften.

Wegen ihres niedrigen Alters und ihrer ungewöhnlich kraftvollen Stimme wurde Umm Kulthum bereits als Kind zur Attraktion. Mit steigendem Bekanntheitsgrad musste sie immer weiter von ihrem Heimatort entfernt im Nildelta auftreten und kletterten schon 1920 die Honorare pro Abend auf respektable zehn britische Pfund. Begeisterte Zuhörer ermunterten damals Umm Kulthum und ihren Vater, sie sollten nach Kairo gehen, um Karriere zu machen, wovor jedoch die Familie anfangs zurückschreckte.

Wenige Jahre später wechselten Umm Kulthum und ihr Vater doch in die ägyptische Hauptstadt. Als die junge Frau dort in den frühen 1920-er Jahren auftrat, zeigte sich bald, dass der Stil der Lieder, die sie zuvor zusammen mit ihrem Vater gesungen hatte, in Kairo altmodisch war. Das Repertoire ihres Vater bestand aus Liedern, die ein Solist, unterstützt von zwei bis vier Personen, vortrug. Stattdessen verlegte sich Umm Kulthum auf neue und alte Lieder, die nur von Instrumenten begleitet wurden.

Einer der Liebhaber von Umm Kulthum in den 1920-er Jahren war der äyptische Dichter Ahmad Rami (1892–1981). Er brachte ihr die Dichtkunst bei und machte sie mit der arabischen Literatur vertraut.

Nach Hinweisen, sie werde auf Dauer bei musikalischer Begleitung durch ihre Familienmitglieder keinen Erfolg haben, engagierte Umm Kulthum im Frühjahr 1926 professionelle Sänger und Musiker. Außerdem nahm sie in ihr Repertoire moderne Liebeslieder auf, die eigens für sie komponiert wurden. Dank dieser Änderungen gehörte sie 1928 zu den führenden Sängerinnen ihres Landes. 1932 starb ihr Vater.

Als 1934 der ägyptische Rundfunk erstmals Sendungen ausstrahlte, war Umm Kulthum die erste arabische Sängerin, die über Kurzwelle öffentlich auftrat. Sie hatte 30 Jahre lang an jedem Donnerstag einen festen Sendeplatz und zog die Massen in sämtlichen arabischen Ländern in ihren Bann. Ihr Gesang löste so starke Gefühle aus, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer zeitweise all ihre Sorgen vergaßen.

1935 eroberte Umm Kulthum auch die Kinoleinwand. Im Sommer 1937 machten ihr die kranke Leber und die Galle schwer zu schaffen. Daraufhin wurde ihr ärztlich das Trinken von Mineralwasser empfohlen. Im Sommer 1938 verbrachte sie einen Monat in dem französischen Kurort Vichy, worauf sie sich bei der Rückkehr nach Ägypten besser fühlte.

Im Sommer 1946 quälte sich Umm Kulthum mit einem Leiden, das erst später als Schilddrüsenkrankheit erkannt wurde. Die Symptome dieses Leidens und die Sorge um ihre Stimme ließen die Sängerin depressiv werden. 1947 versetzte sie der Tod ihrer Mutter, mit der sie im selben Haus gewohnt hatte, in tiefe Trauer. Die Wiedergenesung Umm Kulthum zog sich lange dahin.

Während der 1950-er Jahre, in denen der ägyptische König Faruk I. (1920–1965) durch einen Militärputsch gestürzt wurde und Gamal Abd el Nasser (1918–1970) allmählich die Macht eroberte, stärkte Umm Kulthum mit ihren Liedern das Zusammengehörigkeitsgefühl der Araber in Ost und West. Das hatte vor und nach ihr kein arabischer Politiker geschafft. Die Sängerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Orden sowie etliche Ehrennamen.

1954 heiratete Umm Kulthum den Arzt Dr. Hasan al-Hifnawi (geboren 1915), einen der renommiertesten Hautärzte der arabischen Welt. Zuvor war sie mit etlichen Männern eng befreundet gewesen. Bei Auftritten in der Öffentlichkeit stand der Ehemann im Schatten von Umm Kulthum. 1960 sah man sie erstmals auf dem Bildschirm.

In den letzten Lebensjahren trug Umm Kulthum wegen ihrer lichtempfindlichen Augen meistens dunkle Brillengläser. 1971 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch. Im März jenes Jahres erlitt sie eine Gallenkolik, wegen der sie ihre Konzerte im März und April verschieben musste. Im Winter 1971/1972 hatte sie eine ersthafte Niereninfektion, die zwei Konzerte im Februar und März 1972 verhinderten.

Bei einem Konzert im Dezember 1972 wurde Umm Kulthum mit halbstündigem Applaus empfangen. Wegen des Beifalls musste sie zweimal die Einleitung ihres Liedes „Liebe der Nacht“ wiederholen. Nach einer Dreiviertelstunde hatte sie nur die erste Strophe beendet und einmal wiederholt, als das Publikum noch eine Zugabe forderte. Der Komponist und Orchesterchef meinte, etwas Schöneres gebe es nicht. Auch nach dem Ende des Vortrags rasten die Zuhörer. Es war der letzte öffentliche Auftritt der Sängerin, was sie damals jedoch nicht ahnte.

Das Lied „Hakam alayna al-hawa“, das Umm Kulthum im Frühling 1973 bei einer Premiere live präsentieren wollte, wurde am 13. März 1973 unter großen Schwierigkeiten in einem Studio aufgenommen. Die Aufnahme zog sich zwölf Stunden dahin, Umm Kulthum sang anfangs im Sitzen auf einem Stuhl, und die öffentliche Premiere fand nie statt.

Am 21. Januar 1975 erlitt Umm Kulthum ihre letzte Nierenkolik. Wenige Tage später, am 3. Februar 1975, versagte ihr Herz. Als die arabische Welt erfuhr, dass die berühmte Sängerin gestorben war, löste dies tiefe Trauer aus. Die Tote erhielt in der „Umar Makram Mosche“ in Kairo ein Staatsbegräbnis wie ein hoher Politiker. Danach wurde ihr Leichnam zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht. Dabei säumten unzählige Ägypter die Straßen von Kairo.

Die Erinnerung an Umm Kulthum lebt fort. Ihre Lieder werden immer noch gerne gehört. 1994 schilderte das Buch „Umm Kulthum: Ein Zeitalter der Musik in Ägypten“ von Gabriele Braune ihr Leben, 1997 folgte das Buch „The Voice of Egypt: Umm Kulthum, Arabic Song, and Egyptian Society in the Twentieth Century“ von Virginia Louise Danielson. 1996 kam der Film „Umm Kulthum, A Voice Like Egypt“ von Michael Goldman in die Kinos.

*

Bestellungen der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" bei:
http://www.buch-shop-mainz.de
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3935718829/qid%3D1147200583/028-7008173-6006919