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Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Eine der besten Chansonsängerinnen der Welt war der „Spatz von Paris“, Edith Piaf (1915–1963), eigentlich Edith Giovanna Gassion. Die 1,47 Meter große französische Künstlerin hinterließ der Nachwelt etwa 300 wunderschöne sentimentale Chansons. Als ihr Vermächtnis gilt das drei Jahre vor ihrem Tod entstandene Lied „Non, je ne regrette rien“ („Nein, ich bereue nichts“).
Edith Giovanna Gassion wurde am 19. Dezember 1915 unter ungewöhnlichen Umständen in Paris geboren. Sie kam auf einer Straße in einem der ärmsten Viertel der französischen Hauptstadt vor einem Polizeikommissariat im trüben Licht der Straßenlaternen zur Welt. Zwei Polizisten dienten als Hebammen.
Ediths Vater Jean Gassion war Akrobat in einem Wanderzirkus, ihre Mutter Lina Marsa eine italienische Jahrmarktsängerin. Die Mutter verließ die Familie bereits zwei Monate nach Ediths Geburt, weil sie es leid war, ihrem Mann auf seinen Wanderungen zu folgen. So kam Edith in die Obhut der Großmutter väterlicherseits, die in Bernay (Normandie) als Köchin in einem Bordell arbeitete.
Die Frauen im Freudenhaus brachten Edith mütterliche Gefühle entgegen. Ein Freund sagte später zu ihr, sie solle nicht über ihre Kindheit jammern, Huren seien die besten Mütter der Welt.
Als Dreijährige konnte Edith plötzlich nichts mehr sehen. Monatelang suchte sich Edith mühsam ihren Weg im Dunkeln. Weil sich die Kunst der Ärzte als machtlos erwies, legten alle Damen des Freudenhauses samt Großmutter und Edith ihre Sonntagskleidung an und unternehmen eine Pilgerfahrt zum Grab der heiligen Therese von Lisieux (1873–1897). Dort betete die fromme Großmutter im Kreis ihrer Schützlinge: „O heilige Therese mach, dass meine Enkelin an meinem Namenstag wieder sehen kann“. Und das Wunder geschah: Edith gewann ihr Augenlicht zurück. In Bernay ging Edith zur Volksschule.
Nach einigen Jahren bei der Großmutter musste Edith Giovanna Gassion ab 1922 ihren Vater auf Jahrmärkte begleiten, wo dieser als „Schlangenmensch” auftrat. Anfangs brachte der Vater ihr Akrobatik bei. Später erkannte er ihr Talent zum Singen und ließ sie auf Markplätzen und in Cafés Lieder zum Besten geben.
Mit 15 Jahren verließ Edith ihren Vater und ging nach Paris. Dort trug sie auf Straßen, Hinterhöfen, in Kneipen und Kasernen zusammen mit ihrer angeblichen Stiefschwester Simone Berteaut ihre Lieder vor. Zeitweise arbeitete sie in einer Gummischuhfabrik. Im Frühjahr 1932 lernte die 17-Jährige den Handwerker Louis Dupont kennen, von dem sie am 11. Februar 1933 die Tochter Marcelle bekam, die als Zweijährige an Hirnhautentzündung starb. Danach arbeitete sie als Prostituierte und hatte einen Zuhälter.
Im Oktober 1935 wurde Edith Giovanna Gassion von Louis Leplée (gest. 1936), dem Pariser Revuekönig und Besitzer des Kabaretts „Le Gerny’s“, entdeckt. Einige Wochen später sang sie erstmals mit struppigen Haaren, zerlumpten Kleidern und Klavierbegleitung im „Le Gerny’s“ melancholische Lieder. Dabei begeisterte sie das Publikum, unter dem sich Kenner wie Maurice Chevalier (1888–1972), die Varietékünstlerin Mistinguett (1873–1956) und der Schauspieler Fernandel (1903–1971) befanden.
Louis Leplée erfand für Edith Giovanna Gassion den Künstlernamen „Piaf“ (französisch: „piaf“ = deutsch: „Spatz“). Er war für sie wie ein „zweiter Vater“. Doch ein halbes Jahr nach Ediths Entdeckung durch Leplée lag dieser ermordet in seiner Wohnung und sie geriet unter Verdacht. Da an Engagements in Paris nun nicht mehr zu denken war, trat sie in der Provinz und im Ausland auf.
Nach ihrer Rückkehr erinnerte sich Edith Piaf an den Schauspieler Raymond Asso (1901–1968), der einmal gesagt hatte, sie könne ihn anrufen, wenn sie ihn brauche. Asso wurde ihr Geliebter und Lehrer, er brachte ihr das Lesen und gute Manieren bei. Edith bereitete sich in der Folgezeit mit Engagements in kleinen Kabaretts und ersten Schallplattenaufnahmen auf ein Comeback vor.
Im März 1937 feierte Edith Piaf im „A.B.C.“, der berühmtesten Pariser Music-Hall einen sensationellen Auftritt. Danach folgte Engagement auf Engagement und gewann sie wertvolle Freunde: den Musikverleger Raoul Breton, die Konzertpianistin Marguerite Monnot (1903–1961), die ihre wichtigste Komponistin wurde, sowie den Dichter, Maler, Komponisten und Filmregisseur Jean Cocteau (1889–1963). Ihre künstlerische Karriere wurde durch den französischen Chansonsänger und Filmschauspieler Maurice Chevalier (1888–1972) gefördert.
1940 war Edith Piaf der Star in dem Einakter „Le Bel Indifférent“, den Jean Cocteau für sie und ihren Geliebten, den Schauspieler Paul Meurisse (1912–1979), schrieb. Dabei handelte es sich – neben „La P’tite Lili“ – um das einzige Stück, in dem sie als Schauspielerin auf der Bühne stand.
Im Sommer 1941 spielte die Piaf zum ersten Mal eine größere Filmrolle in „Montmartre sur Seine“. Weitere Filme folgten. Während des Zweiten Weltkrieges sang sie vor französischen Kriegsgefangenen in Deutschland und verhalf vielen Franzosen zur Flucht.
Mit Ausnahme von Michael Emer, der zwischen 1940 und 1962 einige ihrer schönsten Lieder geschrieben hat, waren die wichtigsten Komponisten und Autoren von Edith Piaf meistens auch ihre Liebhaber: außer Raymond Asso auch Henri Contet (1904–1998), Norbert Glanzberg, Georges Moustaki und Charles Dumont.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte die künstlerische Karriere der Piaf ihren Höhepunkt. 1945 traf sie in Paris mit sieben jungen Franzosen zusammen, die als „Les Compagnons de la Chansons“ im gleichen Programm wie sie zwei Jahre lang in Europa auftraten. Zu dieser Gesangsgruppe gehörten auch Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Eddie Constantine (1917–1993) und Yves Montand (1921–1991).
Im Oktober 1947 feierte Edith Piaf in einer New Yorker Variéte-Show ihr USA-Debüt. Danach reiste sie mehrfach in die Vereinigten Staaten, wo sie den verheirateten Box-Europameister im Mittelgewicht und Vater dreier Kinder, Marcel Cerdan (1916–1949), kennen gelernt hatte, der ihre große Liebe war. Cerdan verlor im Oktober 1949 bei einem Flugzeugabsturz auf den Azoren sein Leben. Als die Piaf die Todesnachricht hörte, brach sie zusammen, trat aber am Abend desselben Tages im New Yorker Nachtclub „Versailles“ auf, um nur für Cerdan zu singen.
1952 verliebte sich Edith Piaf in den französischen Sänger und Komponisten Jacques Pills (1910–1970), der damals mit dem noch unbekannten Pianisten Gilbert Becaud auftrat. Am 29. Juli 1952 heirateten Edith und Jacques. Bei der kirchlichen Trauung in New York war Marlene Dietrich (1901–1992) Trauzeugin. Am Hochzeitsabend trat das Paar gemeinsam im „Versailles“ auf.
Gegenüber einem Journalisten erklärte Edith Piaf damals, das Leben sei wunderbar, es gebe Augenblicke, in denen man sterben möchte, doch dann geschehe etwas Neues, und man glaube, man sei im Himmel. Doch das Glück dauerte nicht ewig: Im August 1956 wurde die Ehe mit Pills geschieden, er wollte nicht „Monsieur Piaf“ werden.
Am 20. September 1959 brach Edith Piaf auf der Bühne des „Waldorf Astoria-Hotels“ in New York zusammen. Nach drei Magen- und Darmoperationen mussten ihre für Februar 1960 geplanten Vorstellungen im Pariser „Olympia Theater“ abgesagt werden. Sie schien am Ende, doch im Dezember 1960 konnte sie in Reims wieder auftreten.
Zu Edith Piafs bekanntesten Liedern gehören „La vie en rose“ (1946), „Padam, Padam...“ (1951), „Milord“ (1959), „C’est l’amour“ (1960), „Non, je ne regrette rien“ (1960), „Jérusalem“ (1960), „Les yeux de ma mère“ und „Exodus“ (1961). Auf der Leinwand sah man sie außer in dem erwähnten Film „Montmartre-sur-Seine“ auch in „Étoile sans lumiére“ (1945), „Neuf garçons, un cœur“ (1947), „Paris chante toujours“ (1951), „Boum sur Paris“ (1952), „Si Versailles m’etait conté“ (1953), „Les Amants de Demain“ (1956) und „French-Cancan“ (1956).
Zum himmelhochjauchzenden, zu Tode betrübten Dasein der Piaf gehörten außer Ruhm auch schwere Krankheiten, Rauschgift, Alkohol, Entziehungskuren, Zusammenbrüche auf der Bühne, Autounfälle, der Glaube an Spiritismus, Gespräche mit den Geistern verstorbener Liebhaber und immer wieder Männer.
Am 9. Oktober 1962 ehelichte die todkranke Edith Piaf den 26-jährigen griechischen Sänger Théo Sarapo (1938–1964). Ein Jahr später – am 11. Oktober 1963 – starb sie im Alter von 47 Jahren in Placassier bei Nizza. Ihr Mann wiegte sie nach ihrem Tod noch stundenlang in seinen Armen.
Drei Tage lang defilierten Hunderttausende von Menschen vor dem Sarg von Edith Piaf. Ihrem Trauerzug folgten drei riesige Lastwagen mit Blumen, die der „größten der kleinen Blumen Frankreichs“ von Bewunderern aus allen Bevölkerungsschichten nach ihrem Tod gesandt worden waren. Noch heute vergeht kein Tag, an dem nicht an ihrem Grab auf dem Pariser Friedhof „Piere Lachaise“ Blumen niedergelegt werden. Théo Sarapo kam ein halbes Jahr nach dem Tod der Piaf bei einem Autounfall ums Leben.
Die englische Autorin Pam Gems schrieb über den „Spatz von Paris“
das Stück „Piaf“, das sich eng an deren Biographie anlehnt. Es wurde 1978 von der „Royal Shakespeare Company“ in London uraufgeführt und war wenig später am Broadway in New York zu sehen. Seit der Erstaufführung 1982 gehört es auch in Deutschland zum Repertoire vieler Schauspielbühnen.
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Video "Edith Piaf - Emporte-Moi - 1962" von Youtube
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