Samstag, 10. Februar 2007

Marian Anderson: Die erste schwarze Sängerin der "Met"



Video "Brahms, Rhapsody for alto, Marian Anderson.part 1" von Youtube

Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:



Den ersten Auftritt einer schwarzen Sängerin in der New Yorker „Metropolitan Opera“ („Met“) feierte Mitte der 1950-er Jahre die amerikanische Künstlerin Marian Anderson (1902–1993) in der Oper „Maskenball“ von Guiseppe Verdi (1813–1901). Noch 15 Jahre zuvor hatte eine konservative Frauenvereinigung verhindert, dass sie in der ehrwürdigen „Constitution Hall“ in der Hauptstadt Washington singen durfte.

Marian Anderson wurde am 17. Februar 1902 als Tochter eines Stückeis- und Kohlenhändlers sowie einer Lehrerin in Philadelphia geboren. Bereits als Sechsjährige sang sie im baptistischen Kirchenchor ihres Geburtsortes. Ihre erste Gage in Höhe von 50 Cents erhielt sie im Alter von acht Jahren. Schon als Kind vertrat sie manchmal einen abwesenden Sopran, Tenor oder Bass. Ihr Vater starb, als sie erst zwölf Jahre alt war. Danach musste ihre Mutter als Waschfrau den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder bestreiten.

Bis zum Alter von 17 Jahren erhielt Marian Anderson keine richtige musikalische Ausbildung. Erst dann brachte ein Freund der Familie sie zum Studio der Sopranistin Mary Saunders Patterson. Da die Mutter Marians nicht in der Lage war, für jede Unterrichtsstunde einen US-Dollar zu bezahlen, gab die Sopranistin dem Mädchen kostenlosen Unterricht.

Auf Anregung von Mary Saunders Patterson ließ sich Marian Anderson nach einem halben Jahr von der Sängerin Agnes Reifsnyder weiter ausbilden. Mit 19 wurde sie von dem italienischen Gesangslehrer Guiseppe Boghetti (1896–1941) ein Jahr lang unterrichtet. Auch er war von ihrem Talent so beeindruckt, dass er auf Honorar verzichtete. Später folgten weitere Gesangsstudien in New York, an der Musikhochschule in Chicago und in Europa.

1925 gewann Marian Anderson bei einem Gesangswettbewerb unter 300 Mitbewerbern den ersten Preis: einen Auftritt im New Yorker „Lewisohn Stadion“ mit dem „New York Philharmonic Orchestra“, der zum großen Erfolg wurde. 1929 durfte sie erstmals in der New Yorker „Carnegie Hall“ auftreten. Die „Carnegie Hall“ ist eine Stiftung des amerikanischen Industriellen Andrew Carnegie (1835–1919).

Dank eines Stipendiums der „Nationalen Vereinigung schwarzer Musiker“ konnte Marian Anderson in Europa arbeiten. Ihr Repertoire umfasste bald mehr als 200 Lieder in neun Sprachen sowie Opernarien und Spirituals. Wegen der Reinheit ihrer Stimme und des Reichtums ihrer Töne galt sie als beste Kontraaltistin der Welt.

1930 gab Marian Anderson in Berlin ihr Debüt in Europa. Bei mehreren Tourneen während der ersten Hälfte der 1930-er Jahre trat sie außer in Berlin auch in Paris, London, Italien, Spanien, Polen, Lettland und Russland auf. In Schweden, Norwegen, Dänemark und England sang sie vor den jeweiligen Monarchen.

Der italienische Dirigent Arturo Toscanini (1867–1957) lobte Marian Anderson im August 1935 nach ihrem Auftritt im Salzburger „Mozarteum“, eine Stimme wie die ihre könnte man nur einmal in hundert Jahren hören.

In jenem Jahr holte der Impressario Sol Hurok (1888–1974) Marian Anderson in die USA zurück, wo sie ebenfalls große Erfolge feierte. Bereits ihr Debüt in der „Town Hall“ von New York im Dezember 1935 wurde zum Triumph.

Ungeachtet des Ruhms von Marian Anderson vertrat 1939 die konservative Frauenvereinigung „Daughters of the American Revolution“ („Töchter der Amerikanischen Revolution“) die Auffassung, sie dürfte als Schwarze nicht in der „Constitution Hall“ (Washington) auftreten. Aus Protest gegen diese Haltung trat die Lehrerin, Journalistin und Politikerin Eleanor Roosevelt (1884–1962) aus dieser Organisation aus.

Der liberale Innenminister Harold Ickes (1874–1952) ermöglichte Marian Anderson als Ersatz für den geplatzten Auftritt in der „Constitution Hall“ am Ostersonntag 1940 ein Freilichtkonzert am „Lincoln Memorial“, zu dem 75000 Menschen kamen. 1942 sang sie auf ausdrückliche Einladung der „Töchter der Amerikanischen Revolution“ doch noch in der „Constitution Hall“.

Einen Höhepunkt ihrer Karriere erlebte Marian Anderson am 7. Januar 1955. Damals trat sie als Ulricca in der Oper „Maskenball“ von Guiseppe Verdi in der New Yorker „Met“ auf, wo man sie enthusiastisch feierte. Die Künstlerin sang 1957 bzw. 1961 auch bei den feierlichen Amtseinführungen (Inaugurationsfeiern) für die amerikanischen Präsidenten Dwight David Eisenhower (1890–1969) und John F. Kennedy (1917–1963).

1957 erschien Marian Andersons Autobiographie „My Lord, what an morning“ (deutsch: „Mein Leben“, 1957). Im selben Jahr unternahm sie – gesponsert vom amerikanischen Außenministerium, „American Theatre and Academy“ und der Edward R. Murrow’s Fernsehserie „See It Now“ – eine Tournee in zwölf Länder und legte dabei 35000 Meilen – umgerechnet mehr als 55000 Kilometer – zurück.

Präsident Eisenhower ernannte Marian Anderson 1958 zur US-Delegierten bei den „Vereinten Nationen“. 1963 wurde sie von Präsident Lyndon B. Johnson (1908–1973) mit der „Presential Medal of Freedom“ ausgezeichnet. 1965 beendete sie nach einem Auftritt in der „Carnegie Hall“ und einer Tournee durch vier Erdteile ihre Karriere. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen gehören die „National Medal of Arts“ (1986) und der „Grammy Award for Lifetime Achievement“ (1991).

Marian Anderson war mit dem Architekten Orpheus Fischer verheiratet, mit dem sie auf einer Farm in Connecticut lebte. Am 8. April 1993 starb sie im Alter von 91 Jahren in Portland (Oregon).

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