Freitag, 9. Februar 2007

Lalen Andersen: Die Frau, die "Lili Marleen" sang



Video "Lale Andersen 1961" von Youtube
http://www.youtube.com/watch?v=0wvnokoTVag

Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Das berühmteste Lied zur Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde von der deutschen Chansonsängerin Lale Andersen (1905–1972), eigentlich Lise-Lotte Helene Berta Bunnenberg, gesungen. Ihr „Lili Marleen“ schloss jeweils die Sendefolge des deutschen „Soldatensenders Belgrad“ ab und gefiel deutschen, britischen und amerikanischen Soldaten so gut, dass seine Interpretin international berühmt wurde. Die renommierte Londoner Tageszeitung „Times“ nahm Lale Andersen 1969 in die Liste der bekanntesten Personen des 20. Jahrhunderts auf.

Lise-Lotte Helene Berta Bunnenberg kam am 23. März 1905 in Lehe – heute ein Stadtteil von Bremerhaven – als Tochter eines Schiffsstewards zur Welt. Wie ihr Vater hatte sie Sehnsucht nach der Ferne, von ihm lernte sie viele Shanties (Arbeitslieder der Seeleute). Ihre Mutter ist früh gestorben. 1924 heiratete die 19-jährige Lise-Lotte den Worpsweder Maler Paul Ernst Wilke (1894–1992). Aus dieser Ehe gingen die Kinder Björn, Litta und Michael hervor.

1930 nahm die 25-jährige Lise-Lotte Wilke Schauspielunterricht in Bremen. Der Karriere wegen verließ sie Ehemann und Kinder, wurde 1931 geschieden und suchte ihr Künstlerglück in Berlin. 1931 begann sie als Peggy in der Komödie „Muss die Kuh Milch geben?“ des britischen Schriftstellers Somerset Maugham (1874–1965) ihre Bühnenlaufbahn am „Deutschen Künstlertheater“ in Berlin. Von 1931 bis 1933 trat sie an „Dr. Roberts Klein-Bühnen“ in Berlin auf. 1932/1933 besuchte sie die Schauspielschule des „Deutschen Theaters“ in Berlin. Ab 1934 verwendete sie das Pseudonym „Lale Andersen“.

Zwischen 1933 und 1937 gehörte Lale Andersen zum Ensemble des Zürcher Schauspielhauses. In diese Zeit fallen auch ihre dramatischen Studien bei dem deutschen Schauspieler Ernst Ginsberg (1904–1964), der nach seiner Emigration von 1933 bis 1962 Mitglied des Zürcher Schauspielhauses war. Von 1938 bis 1941 sah man sie am „Kabarett der Komiker“ von Willi Schaeffer (1884–1962) in Berlin, außerdem als Salondame bei Otto Falckenberg (1873–1947) an den „Münchner Kammerspielen“ in „Ihr erster Mann“ und in „Simpl“.

Das gefühlvolle Lied „Lili Marleen“, das von einem jungen Wachtposten handelt, wurde 1915 während des Ersten Weltkrieges von dem jungen deutschen Schriftsteller und Soldaten Hans Leip (1893–1983) auf dem Weg zur Ostfront getextet. Er schrieb das „Lied eines jungen Wachtposten“ für seine Freundin und die seines Kumpels, die „Lili“ und „Marleen“ hießen.

Das Lied verschwand dann in der Versenkung und wurde 1937 nach der lyrischen Melodie von Rudi Zink von Lale Andersen gesungen. Am 2. August 1939 nahm sie dasselbe Lied nach der einprägsameren Vertonung von Norbert Schultze (Pseudonym: „Frank Norbert“) auf Platte auf.

Auch die zweite Version von „Lili Marleen“ blieb zunächst völlig unbeachtet. Der Durchbruch erfolgte im Sommer 1941, als dem gerade etablierten deutschen „Besatzungssender Belgrad“ die „leichte Muse“ ausging und man in Wien Schallplatten beschaffte. Darunter befand sich der Titel „Lili Marleen“, den am 18. August 1941 ein Techniker mehr aus Versehen als aus Absicht nach den Nachrichten auflegte.

Danach verlangten Tausende deutscher Soldaten – vom Landser bis zum General – eine Wiederholung. Der Sender schloss kurze Zeit später allabendlich sein Programm mit „Lili Marleen“. Lale Andersen erhielt damals Waschkörbe voller Feldpostbriefe. Unbekannte Landser klingelten an ihrer Wohnungstür. Wo die Sängerin auftauchte, erkannte man sie als „Lili Marleen“. Bei jedem Auftritt musste sie dieses Lied singen.

1942 warf das Propagandaministerium Lale Andersen „undeutsche Kontakte“ zu jüdischen Emigranten in der Schweiz vor. Aus Furcht vor einer Verhaftung nahm sie angeblich eine Überdosis Schlaftabletten. Sie lag noch im Koma, als der Rundfunksender „British Broadcasting Corporation“ (BBC) meldete, sie hätte Selbstmord begangen, weil der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) befohlen habe, sie verhaften und in ein Konzentrationslager transportieren zu lassen. Goebbels ließ sofort ein Dementi verbreiten und bezichtigte BBC der Lüge.

Nach der deutschen Niederlage bei der Schlacht von Stalingrad 1942/1943 wurde „Lili Marleen“ aus dem Programm des Soldatensenders Belgrad genommen. Lale Andersen durfte nach neunmonatigem Auftrittsverbot zwar wieder singen, nur „Lili Marleen“ nicht mehr. Denn Goebbels betrachtete diesen Titel als sentimental und unheroisch, er nannte es das „Lied mit dem Leichengeruch“. Ab April 1944 war „Lili Marleen“, gesungen von Lale Andersen, ab sofort verboten“. Fortan lief die Platte ohne Gesang.

Das inzwischen auch von den Briten, Franzosen, Italienern, Amerikanern und Kanadiern begeistert gespielte Lied wurde von dem amerikanischen Schriftsteller John Steinbeck (1902–1968) als „das schönste aller Liebeslieder“ bezeichnet. Für Soldaten aller Nationen war es ein Symbol der Hoffnung. In England drehte man noch während des Krieges mit der 1933 nach Großbritannien emigrierten Lucie Mannheim (1899–1976) einen Propagandafilm über das Schicksal von Lili und Lale.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Lale Andersen auf der Nordseeinsel Langeoog. Als das kulturelle Leben in deutschen Großstädten wieder aufblühte, ging sie als Sängerin auf Gastspielreisen. Außerdem trat sie in London, Helsinki, Kopenhagen und Nordamerika im Fernsehen auf und war als Sängerin und Kabarettistin in europäischen und amerikanischen Sendern zu hören.

Lale Andersens „große Liebe“ war der Schweizer Komponist sowie spätere Hamburger und Pariser Opernintendant Rolf Liebermann (1910–1999). Doch sie zog seiner Bitte, sich doch endlich für ein Leben an seiner Seite zu entscheiden, ihre Karriere vor. 1949 heiratete Lale Andersen den Komponisten und Maler Artur Beul. Die zweite Ehe dauerte bis zu ihrem Tod.

Als Lale Andersens bekannteste Chansons der Nachkriegszeit gelten „Unter der roten Laterne von St. Pauli“, „Der Junge an der Reling“, „Blaue Nacht am Hafen“ (1949) und „Ein Schiff wird kommen“ (1959). Gut angekommen ist auch ihre Brecht-Weill-Langspielplatte von 1957. Nicht wenige Kritiker betrachteten sie als weibliches Gegenstück des Sängers und Schauspielers Hans Albers (1892–1960).

Ende 1965 stand Lale Andersen im Mittelpunkt einer großen Amerikatournee, die der Deutschlandsender Chicago veranstaltete. Danach hatte sie in den USA täglich bis zu drei Fernsehauftritte. Im April 1967 folgte eine 31-tägige Tournee unter dem Titel „good bye memories“ durch die Bundesrepublik Deutschland. Die erfolgreichen Lieder „Blaue Nacht am Hafen“, „Wenn du heimkommst“, „Sommerwind“ und „Grüß mir das Meer“ textete sie unter dem Pseudonym „Nicola Wilke“.

In einem Interview mit der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ erklärte Lale Andersen im April 1968, „Lili Marleen“ sei nicht ihr persönliches Lieblingslied gewesen. Auch „Blaue Nacht am Hafen“ und „Ein Schiff wird kommen“, die sie in die Hitparaden brachten, waren nicht ihre Plattenfavoriten. Viel besser gefiel ihr ihre Langspielplatte mit plattdeutschen Liedern.

Lale Andersen war auch als Schriftstellerin erfolgreich. Aus ihrer Feder stammen das Buch „Wie werde ich Haifisch? – Ein heiterer Ratgeber für alle, die Schlager singen, texten oder komponieren wollen“ (1962) und ihr autobiographischer Roman „Der Himmel hat viele Farben – Leben mit einem Lied“ (1972), der in ihrem Todesjahr erschien. Ihre Tochter Litta Magnus-Andersen gab Anfang 1981 die dokumentarisch belegte Biographie „Lale Andersen – die Lili Marleen“ heraus, die Einblicke in die Kulturszene des „Dritten Reiches“ erlaubte.

1968 verschlechterte sich der seit Jahren angegriffene Gesundheitszustand Lale Andersens rapide. Am 29. August 1972 starb sie im Alter von 67 Jahren in einer Wiener Privatklinik an Herzversagen. Sie hatte zuvor in Österreich ihren autobiographischen Roman „Der Himmel hat viele Farben – Leben mit einem Lied“ präsentiert. Die Sängerin wurde auf dem Langeooger Dünenfriedhof neben ihrer Ferienpension „Sonnenhof“ beerdigt.

Lale Andersens berühmtes Lied „Lili Marleen“ ist in mindestens 50 Filmen gesungen worden. Zu den Interpreten gehören unter anderem Marlene Dietrich (1901–1992), Bing Crosby, Freddy Quinn und Jean-Claude Pascal. Lales Leben wurde in dem Film „Lili Marleen“ (1981) von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) geschildert, in dem Hanna Schygulla die Hauptrolle spielte. Ebenfalls 1981 setzte Lale Andersens Geburtsstadt Bremerhaven der Sängerin in der Innenstadt eine „Lili-Marleen“-Laterne als Denkmal.

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